Du kennst es aus dem WOD im Crossfit: Eine hohe Anzahl Klimmzüge steht an und manche Athleten fliegen förmlich durch die Wiederholungen. Das Geheimnis ist oft der Kipping Pull Up – eine der meistdiskutierten und missverstandenen Übungen im funktionalen Training. Handelt es sich dabei um geschummelte Wiederholungen oder eine legitime Technik?
Die Antwort ist entscheidend, denn falsch ausgeführt ist der Kip ein direkter Weg zu Schulterproblemen. Richtig erlernt, wird der Kip jedoch zu einem Werkzeug, das deine Leistung und Effizienz massiv steigert. Dieser Guide zeigt dir praxisnah und step-by-step, wie du die richtige Technik sicher erlernst, Mythen von Fakten trennst und erkennst, wann du wirklich bereit dafür bist.
* Zweck: Das Hauptziel ist nicht der reine Kraftaufbau (Strength), sondern eine hohe Wiederholungszahl in kurzer Zeit. Das macht ihn ideal für die metabolische Konditionierung in Workouts.
* Abgrenzung: Er ist kein Ersatz für den strikten Klimmzug, sondern eine ergänzende, fortgeschrittene gymnastische Bewegung.
* Voraussetzung: Eine solide Kraftbasis (Strength) im Schultergürtel und Rumpf (Core) ist unerlässlich, um das Verletzungsrisiko zu minimieren.
Was ist ein Kipping Pull Up überhaupt?
Ein Kipping Pull Up ist eine dynamische Bewegung (Motion), bei der du durch einen kontrollierten Schwung (Swing) aus Hüfte und Schultern Momentum erzeugst. Dieser Schwung hilft dir, dein Körpergewicht explosiv nach oben zu bewegen und das Kinn über die Stange zu bringen. Anstatt den Körper rein vertikal nach oben zu ziehen wie beim strikten Klimmzug, beschreibt der Körperschwerpunkt eine C-förmige Kurve.
Die Bewegung wechselt fließend zwischen zwei gymnastischen Grundpositionen: der „Hollow Body“-Position (Anspannung der vorderen Muskelkette, der Körper formt eine leichte C-Kurve) und der „Arch“-Position (Öffnung der vorderen Kette, der Körper bildet einen Bogen). Dieser schnelle Wechsel erzeugt die Energie für den eigentlichen Pull.

Die ewige Debatte: Kipping vs. Strict Pull Up – Was ist besser?
Die Frage nach der „besseren“ Übung ist irreführend. Die Wahrheit ist: Beide Varianten haben ihre Berechtigung, aber sie dienen völlig unterschiedlichen Zielen. Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um den richtigen Einsatz im passenden Kontext. Ein kompetenter Athlet beherrscht beides und weiß, wann welche Variante sinnvoll ist. In den über 1000 Kursen und Personal Trainings, die ich seit 2015 geleitet habe, war das eine der häufigsten Fragen. Meine Antwort ist immer dieselbe: Es ist wie der Unterschied zwischen einem Schwerathleten und einem Sprinter. Beide sind Athleten, aber mit unterschiedlichen Zielen.
- Strict Pull Up: Hier geht es um den reinen Aufbau von Maximalkraft. Die Bewegung ist langsam und kontrolliert, der Fokus liegt auf der Kräftigung von Latissimus, Bizeps und Rückenmuskulatur. Der strikte Klimmzug (Strict Pull-up) ist die unverzichtbare Grundlage für jede Klimmzugvariante.
- Kipping Pull Up: Bei den Kipping Pull-ups stehen Leistung und Effizienz im Vordergrund. Das Ziel ist, eine hohe Arbeitslast (z. B. 50 Klimmzüge oder viele Reps) in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen. Die Übung trainiert die metabolische Konditionierung und die Koordination des gesamten Körpers.
Stell dir den Strict Pull Up wie schweres Krafttraining vor und den Kipping Pull Up wie einen Sprint – beides sind wertvolle, aber unterschiedliche Trainingsmethoden. Während der Kipping Pull Up auf Effizienz abzielt, geht der Butterfly Pull Up noch einen Schritt weiter und ermöglicht maximale Geschwindigkeit, erfordert aber eine noch perfektere Technik.

Die Vorteile des Kipping Pull Ups: Mehr als nur Geschwindigkeit
Wenn der Kipping Pull Up nicht primär dem Kraftaufbau dient, warum sollte man ihn dann lernen? Die Antwort liegt in seiner Effektivität für die Trainingsintensität und seiner Übertragbarkeit auf andere Übungen. Die Beherrschung des Kips eröffnet eine neue Dimension im funktionalen Training.
- Höheres Arbeitsvolumen: Du kannst in der gleichen Zeit deutlich mehr Wiederholungen absolvieren. Dies ermöglicht eine höhere Trainingsintensität und einen stärkeren metabolischen Reiz.
- Verbesserte Körperkoordination: Der Kip schult das Zusammenspiel des gesamten Körpers – von den Schultern über den Rumpf bis zur Hüfte. Du lernst, Kraft effizient zu übertragen.
- Grundlage für fortgeschrittene Übungen: Der Kip ist die Basis für viele weitere gymnastische Bewegungen im funktionalen Fitness, wie Toes-to-Bar, Chest-to-Bar Pull Ups oder den Bar Muscle Up. Diese Progression ist ein zentraler Bestandteil im Crossfit.
- Bessere Workout-Zeiten: Für Athleten, die ihre Leistung in WODs wie zum Beispiel Murph oder anderen Workouts verbessern wollen, ist die Beherrschung des Kips ein entscheidender Erfolgsfaktor.
Die unverzichtbare Grundlage: Wann bist du bereit für den Kip?
Bevor du Kipping Pull-ups versuchst, musst du eine entscheidende Frage ehrlich beantworten: Besitzt du die nötige Grundkraft? Der Kip ist ein Kraft-Multiplikator, kein Kraft-Ersatz. Ohne ein stabiles Fundament riskierst du ernsthafte Schulterverletzungen. Biomechanische Analysen bestätigen, dass bei dynamischen Übungen wie dem Kip enorme Kräfte auf das Schultergelenk wirken, besonders wenn der volle Range of Motion (Bewegungsumfang) genutzt wird. Eine solide Vorbereitung ist daher nicht verhandelbar.

Prüfe ehrlich, ob du die folgenden Kriterien erfüllst, bevor du den nächsten Schritt wagst:
- Strikte Klimmzüge: Du solltest mindestens 3-5 saubere, strikte Klimmzüge (Strict Pull-ups) am Stück schaffen. Das zeigt, dass deine Muskulatur stark genug ist, um die Bewegung jederzeit zu kontrollieren.
- Aktive Schulterposition: Du kannst mindestens 30 Sekunden lang aktiv an der Stange (the pull-up bar) hängen, mit gestreckten Armen (straight arms). Das bedeutet: Schultern sind weg von den Ohren gezogen und die Schulterblätter sind unter Spannung.
- Starker Rumpf: Du hältst die Hollow-Position am Boden für 30-60 Sekunden. Ein starker Core ist entscheidend, um die Kraft von der Hüfte in den Oberkörper zu übertragen.
- Schmerzfreiheit: Jede Form von Schulterschmerz ist ein absolutes Stoppsignal. Ich spreche da aus leidvoller Erfahrung: Nach 15 Jahren Ballsport hatte ich ständig Probleme mit meiner rechten Schulter. Erst als ich mich, unter anderem inspiriert durch Kelly Starretts Buch „Werde ein geschmeidiger Leopard“, intensiv mit gezieltem Krafttraining und Mobilisation auseinandergesetzt habe, bekam ich die Schmerzen in den Griff. Heute bin ich komplett schmerzfrei. Kläre bestehende Probleme also unbedingt, bevor du mit dynamischen Übungen wie dem Kip beginnst, um dein Verletzungsrisiko nicht unnötig zu erhöhen.
Kipping Pull Up lernen: Deine Step-by-Step-Anleitung (How To)
Hast du die Grundlagen gemeistert? Perfekt. Der Weg zum ersten Kipping Pull Up ist ein Lernprozess, der auf dem richtigen Rhythmus basiert. Gehe die folgenden Schritte geduldig durch und konzentriere dich auf die Qualität der Bewegung, nicht auf die Wiederholungszahl.
Schritt 1: Der Kip Swing (Arch & Hollow)
Alles beginnt mit dem Kip Swing. Hänge dich mit aktiven Schultern an die Pull-up Bar. Leite die Bewegung ein, indem du die Brust nach vorne schiebst und die Beine nach hinten bringst (Arch-Position). Drücke dann die Stange von dir weg, Bauch und Gesäß fest anspannen und bringe deine Füße (Feet) und Beine nach vorne in die Hollow-Position. Pendle kontrolliert zwischen diesen beiden Positionen (The Arch & Hollow). Der Rhythmus muss aus der Schulter und dem Rumpf kommen, nicht durch unkontrolliertes Strampeln mit den Beinen.
Schritt 2: Höhe generieren
Sobald der Kip Swing flüssig läuft, konzentriere dich darauf, am Ende der Hollow-Position die Hüfte (the hips) explosiv nach oben zu schnippen. Stell dir vor, du willst mit den Zehen die Stange berühren. Dieser aggressive Hüfteinsatz hebt deinen Körperschwerpunkt und erzeugt einen kurzen Moment der „Schwerelosigkeit“, der für den Zug entscheidend ist.
Schritt 3: Der Zug – Timing ist alles
Genau in dem Moment, in dem deine Hüfte den höchsten Punkt erreicht, ziehst du dich kraftvoll nach oben und leicht zur Stange hin (towards the bar). Der Bewegungspfad ist nicht vertikal, sondern bogenförmig. Denk daran: Der Arm-Zug unterstützt den Schwung nur, er ersetzt ihn nicht.
Schritt 4: Wiederholungen verketten (Linking Reps)
Nachdem dein Kinn über der Stange war (at the top), stößt du dich aktiv von der Stange weg (push away from the bar), um direkt wieder in die Arch-Position für den nächsten Kip Swing zu kommen. So entsteht ein flüssiger, zyklischer Rhythmus, der es dir ermöglicht, viele Wiederholungen aneinanderzureihen. Diese Fähigkeit ist auch die Grundlage für den anspruchsvollen Muscle Up.
Die 3 häufigsten Fehler – und wie du sie vermeidest
In meiner Zeit als Coach habe ich wahrscheinlich tausende Kipping Pull-ups gesehen. Die Common Mistakes sind dabei fast immer dieselben. Achte auf diese Punkte, um schneller Fortschritte zu erzielen und Verletzungen vorzubeugen:

- Fehler 1: Der „leere“ Kip. Der Schwung kommt nur aus einem unkontrollierten Beinschlag. Die Lösung: Fokussiere dich auf das Öffnen und Schließen von Schulter und Hüfte. Filme dich selbst, um zu prüfen, ob du eine saubere Arch- und Hollow-Position einnimmst.
- Fehler 2: Falsches Timing. Du ziehst zu früh, bevor der Hüftschwung seine volle Wirkung entfaltet. Die Lösung: Übe den Kip Swing mit Fokus auf maximale Höhe, ohne den Armzug. Erst wenn du den Moment der „Schwerelosigkeit“ spürst, addierst du den Zug.
- Fehler 3: Passive Schultern. Du lässt die Schultern im untersten Punkt unkontrolliert nach oben schnellen. Die Lösung: Halte die Schultern während des gesamten Ablaufs (of the movement) aktiv und unter Spannung (and control). Das schützt das Gelenk und sorgt für eine effiziente Kraftübertragung.
Fazit: Der Kipping Pull Up als Werkzeug, nicht als Abkürzung
Der Kipping Pull-up ist eine komplexe, athletische Fähigkeit mit festem Platz im funktionalen Training. Er ist kein „geschummelter“ Klimmzug, sondern ein spezifisches Werkzeug zur Steigerung der Arbeitseffizienz. Behandle ihn mit Respekt: Baue zuerst eine solide Kraftbasis (the strength) durch strikte Klimmzüge auf und lerne die Technik geduldig und sauber. Dann wird der Kipping Pull Up zu einem wertvollen Bestandteil deines Trainings, der dir neue Leistungslevel ermöglicht. Eine umfassende Übersicht über alle grundlegenden Bewegungen findest du in unserem ultimativen Crosstraining Guide.
Häufig gestellte Fragen
Ist der Kipping Pull Up schlecht für die Schultern?
Nicht per se, aber er ist anspruchsvoll. Bei unzureichender Kraft, mangelnder Mobilität oder schlechter Technik steigt das Verletzungsrisiko für das Schultergelenk erheblich. Eine richtige Technik und eine solide Kraftbasis sind zum Schutz deiner Schultern absolut unerlässlich.
Was ist der Unterschied zum Butterfly Pull Up?
Der Butterfly Pull Up ist eine noch schnellere, zyklische Variante, bei der die Füße eine kontinuierliche Kreisbewegung ausführen. Er ist für sehr hohe Wiederholungszahlen noch effizienter, aber auch technisch anspruchsvoller und belastender für die Schultern als der Standard-Kip.
Kann ich den Kipping Pull Up lernen, ohne strikte Klimmzüge zu können?
Nein, das ist absolut nicht zu empfehlen. Der Versuch, fehlende Kraft durch Schwung zu kompensieren, ist der direkteste Weg zu einer Schulterverletzung. Strikte Klimmzüge sind die nicht verhandelbare Voraussetzung.
Welche Muskeln trainiert der Kipping Pull Up?
Der Kipping Pull Up trainiert primär den Latissimus (Latissimus dorsi), Bizeps und die gesamte Rumpfmuskulatur (Core). Anders als beim strikten Klimmzug liegt der Fokus jedoch weniger auf dem Kraftaufbau, sondern auf der Koordination und der Fähigkeit, den ganzen Körper effizient einzusetzen.
Was ist die beste Progression, um den Kipping Pull Up zu lernen?
Die beste Progression startet mit dem Aufbau von Grundkraft durch strikte Klimmzüge und Übungen wie Ring Rows. Danach folgt das Erlernen der Teilbewegungen: der Kip Swing (Arch-to-Hollow). Sobald dieser Rhythmus sitzt, wird der explosive Hüfteinsatz geübt, bevor alles zur kompletten Bewegung zusammengesetzt wird.

